Der Hainan-Hase ist nach 40 Jahren zurückgekehrt. Forscher waren sprachlos vor Staunen

Eine Art, die von der Landkarte verschwunden war, meldet sich zurück

Auf einer abgelegenen chinesischen Insel, die Reisende als wahres Paradies bezeichnen, stießen Wissenschaftler auf etwas, das niemand mehr zu sehen erwartet hatte. In einer Landschaft, die seit Jahrzehnten von Asphalt, Plantagen und wachsenden Siedlungen dominiert wird, tauchte ein überzeugender Beweis auf, dass eines der am stärksten bedrohten Säugetiere der Insel noch immer existiert.

An einem Ort, an dem seit 1986 kein einziges Exemplar offiziell dokumentiert worden war, zeigte sich plötzlich der Hainan-Hase — eine endemische Art, die ausschließlich auf dieser Insel im Süden Chinas vorkommt. Der Fund zwingt Experten dazu, sowohl die Verbreitungskarten als auch die bisherigen Schutzkonzepte grundlegend zu überdenken.

Ein Tier, das von den Karten gestrichen wurde, kehrt unerwartet zurück

Der entscheidende Moment ereignete sich am 25. Dezember 2024 im Nordosten der Insel Hainan, auf der Schnellstraße Pulongxian. Ein Forschungsteam fuhr dort im Rahmen einer Feldkampagne entlang, als die Wissenschaftler ein überfahrenes Tier entdeckten, das direkt auf der Fahrbahn lag.

Der Körper befand sich zwar in einem bedauernswerten Zustand, doch die erhaltenen anatomischen Merkmale — Form und Länge der Ohren, Körperproportionen und Fellfarbe — ermöglichten den Spezialisten eine sichere Identifizierung. Es handelte sich eindeutig um den Hainan-Hasen, einen Endemiten, der ausschließlich auf dieser Insel lebt.

Der genaue Fundort sorgte für Bestürzung unter allen Anwesenden. Das letzte bestätigte Vorkommen dieser Art in diesem Inselbereich stammt aus dem Jahr 1986. Die Entfernung vom bekannten Hauptverbreitungsgebiet überraschte jeden der beteiligten Forscher.

Der Fund wurde anschließend in einer begutachteten wissenschaftlichen Fachzeitschrift beschrieben, womit die neuen Daten offiziell in die Fachliteratur eingingen. Ein einziger toter Hase auf einer Straße brachte so paradoxerweise Hoffnung — die Art überlebt möglicherweise in einem deutlich größeren Gebiet, als bisher angenommen wurde.

Wie ein Hase zwischen Plantagen und Schnellstraßen überlebt

Der Hainan-Hase ist ein kleines Säugetier aus der Familie der Hasenartigen, das an flache Küstengebiete und sanfte Hügel angepasst ist. Ursprünglich besiedelte er ein vielfältiges Mosaik aus Grasflächen, Waldrelikten und traditionellen Feldern. Heute sind die meisten dieser Lebensräume in Plantagen, Siedlungen oder Straßeninfrastruktur umgewandelt worden.

Es handelt sich um eine nachtaktive Art, die Menschen gezielt meidet. Tagsüber versteckt sie sich in dichter Vegetation, Nahrung wird erst nach Einbruch der Dunkelheit gesucht. Genau deshalb kann die Art selbst dort leicht der Aufmerksamkeit entgehen, wo sie tatsächlich vorkommt — wenn das Monitoring zur falschen Zeit oder mit unzureichenden Methoden durchgeführt wird.

Die Art meidet vom Menschen veränderte Gebiete nicht vollständig, benötigt aber zumindest schmale Streifen natürlicher Vegetation als Deckung und zur Aufzucht der Jungtiere. Diese grünen Korridore zwischen Feldern und Straßen sind ihre letzte Überlebenschance in einer dicht besiedelten Landschaft.

Die Fragmentierung des Lebensraums stellt für den Hainan-Hasen eine größere Bedrohung dar als die vollständige Abholzung ganzer Wälder. Er benötigt ein vernetztes System kleiner Biotope — nicht ein einziges großes, aber isoliertes Schutzgebiet.

Früher Tausende von Individuen, heute nur noch eine Handvoll

Aufzeichnungen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts beschreiben die Art als gewöhnlichen Bewohner der Küstenebenen der Insel. Schätzungen aus den 1950er Jahren gingen von etwa 10.000 Individuen aus. Die Lage begann sich mit dem Aufkommen der industriellen Landwirtschaft und dem rasanten Wachstum neuer Städte dramatisch zu verschlechtern.

Die Zerstückelung der Lebensräume ging Hand in Hand mit gezielter Bejagung. Hasen wurden wegen ihres Fleisches und ihres Fells getötet. Mit dem Verschwinden weiterer Gebiete unter Monokulturen oder Beton verlor das Tier seine Wanderkorridore und Fortpflanzungsplätze.

Ein Bericht aus dem Jahr 2008 warnte, dass auf der gesamten Insel möglicherweise nur noch 250 bis 500 Individuen übrig seien. Seitdem hat keine vollständige inselweite Zählung mehr stattgefunden — verfügbar sind lediglich lokale Teilstudien aus ausgewählten Gebieten.

Die wichtigsten Meilensteine des Populationsrückgangs:

  • 1950er Jahre — geschätzte 10.000 Individuen in Küstengebieten
  • 1970er und 1980er Jahre — massiver Umbau der Lebensräume in Kautschuk- und Kokosplantagen
  • 1990er Jahre — Tourismusboom und Bau von Hotelkomplexen entlang der Küste
  • Jahr 2008 — erster alarmierender Bericht mit einer Schätzung von 250 bis 500 verbliebenen Individuen
  • Gegenwart — das Monitoring erfasst nur noch sporadische Nachweise, selbst in Schutzgebieten
  • Eine aktuelle Studie aus dem Datian-Reservat bestätigte das Vorkommen eines einzigen Individuums auf einem vergleichsweise großen Gebiet

Selbst im Datian-Reservat, das als wichtigste Bastion des Hainan-Hasen gilt, sind Sichtungen äußerst selten. Die Art ist rar, außerordentlich scheu und ausschließlich nachts aktiv — eine Kombination von Eigenschaften, bei der klassische Zählmethoden für Wildtiere besonders zuverlässig versagen.

Was ein einziges totes Tier auf der Straße verändern kann

Das Auffinden eines überfahrenen Exemplars im Nordosten der Insel beweist für sich genommen nicht, dass dieser Teil Hainans eine große Population beherbergt. Es ist jedoch ein eindeutiges Signal, dass einige Tiere dieses Gebiet noch immer nutzen — und die dortigen Lebensräume biologisch also nicht vollständig tot sind.

Für Naturschutzbiologen ist vor allem der genaue Fundort von entscheidender Bedeutung. Wenn ein Hase mehr als 200 Kilometer vom bekannten Kerngebiet der Population entfernt auftaucht, ergeben sich zwei Haupthypothesen.

Entweder überlebt im Nordosten eine kleine isolierte Gruppe, von der bisher niemand wusste. Oder einzelne Individuen bewegen sich quer über die Insel und nutzen schmale Lebensraumstreifen, die zwischen Feldern und Straßen erhalten geblieben sind.

In beiden Fällen könnte das tatsächliche Verbreitungsgebiet der Art größer sein, als bisherige Karten vermuten ließen. Schutzentscheidungen für die Art könnten also auf einem unvollständigen Bild der Realität beruht haben. Wissenschaftler fordern daher dringend eine systematische Bestandsaufnahme der gesamten Insel mit modernen Methoden.

Wie man etwas zählt, das kaum sichtbar ist

Neue Felddaten decken die Schwächen traditioneller Monitoringsysteme auf. Das Ausbleiben von Beobachtungen über viele Jahre muss nicht gleichbedeutend sein mit dem tatsächlichen Verschwinden einer Art aus einem Gebiet. Ein Tier mit geringer Populationsdichte, nachtaktiver Lebensweise und ausgeprägter Scheu entgeht Standardmethoden besonders leicht.

Wissenschaftler fordern deshalb eine umfassende systematische Untersuchung der gesamten Insel. Ziel ist es nicht nur herauszufinden, wo der Hase noch überlebt, sondern auch lokale Bedrohungen zu kartieren — Verkehrsintensität, Landwirtschaftsdruck, Ausmaß der Wilderei und die Qualität verbleibender Fragmente natürlicher Vegetation.

Ohne eine aktualisierte Verbreitungskarte gleicht Naturschutzplanung einem Tappen im Dunkeln. Behörden könnten Mittel in die Sicherung von Gebieten investieren, in denen der Hase faktisch nicht mehr lebt, und Zonen übersehen, die noch immer als Korridore oder letzte Refugien dienen.

Eine zuverlässige Erfassung des Hainan-Hasen erfordert eine Kombination mehrerer Instrumente: Fotofallen, genetische Analysen biologischer Spuren (Fell, Kot), Befragungen der lokalen Bevölkerung und Auswertung von Satellitenbildern. Nur die Verknüpfung all dieser Ansätze kann ein glaubwürdiges Bild des Populationszustands liefern.

Eine Insel im Wandel — Tourismus gegen Wildnis

Hainan hat in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Wandel durchgemacht. Aus einer landwirtschaftlich geprägten Provinz wurde eines der beliebtesten Reiseziele der gesamten Region. Hotels, Straßen und Freizeitinfrastruktur drängen in Gebiete vor, die früher ein Mosaik aus halbnatürlichen Lebensräumen bildeten.

Der Hainan-Hase ist nicht die einzige Art, die unter diesem Wandel leidet, aber er ist zum kraftvollen Symbol für das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Naturschutz geworden. Wenn das Monitoring belegt, dass die Art Grünreste nutzen kann, die in einer dicht besiedelten Landschaft verstreut sind, entsteht ein überzeugendes Argument für den Aufbau grüner Korridore auch außerhalb klassischer Schutzgebiete.

Schmale Strauchstreifen entlang von Wasserläufen, Baumreihen zwischen Feldern oder kleine Gebüsche an Straßenrändern können für den seltenen Säuger mehr bedeuten als ein großer, aber isolierter Nationalpark. Ohne diese Verbindungen können kleine Populationen keinen genetischen Austausch betreiben, was zu Inzucht und einem schrittweisen Verlust der genetischen Vielfalt führt.

Hainan empfängt heute jährlich Millionen von Touristen. Flughäfen, Häfen, Golfplätze und Wasserparks beanspruchen immer mehr Raum. Paradoxerweise könnten gerade diese Zonen intensiver Nutzung die letzten brauchbaren Vegetationsfragmente verbergen — wenn es gelingt, sie bei der Bauplanung gezielt zu erhalten.

Was dem Hainan-Hasen beim Überleben helfen könnte

Forscher betonen, dass spektakuläre Einzelfunde zwar als Warnsignal dienen, aber systematische Feldarbeit nicht ersetzen können. Sollten neue Studien das Vorhandensein verstreuter kleiner Gruppen bestätigen, werden vor allem folgende Maßnahmen als realistisch angesehen:

  • Geschwindigkeitsbegrenzungen und Installation von Warnschildern auf Straßenabschnitten, die durch potenzielle Wanderkorridore führen
  • Erhalt von Strauch- und Grasstreifen zwischen Plantagen anstelle einer vollständigen Einebnung der Landschaft
  • Lokale Jagdverbote an Orten, an denen das Wilderereirisiko weiterhin hoch ist
  • Sorgfältigere Planung neuer Investitionsvorhaben, damit sie die letzten Lebensraumfragmente nicht voneinander abtrennen
  • Einsatz von Fotofallen und genetischen Analysen zur präzisen Kartierung des tatsächlichen Vorkommens
  • Zusammenarbeit mit lokalen Landwirten zur Erhaltung von Feldrainen und Gehölzinseln in der Agrarlandschaft
  • Aufklärung von Autofahrern über das Kollisionsrisiko mit seltenen Arten auf bestimmten Streckenabschnitten
  • Regelmäßiges Monitoring mithilfe von Drohnen und Satellitendaten zur Verfolgung von Veränderungen in der Landnutzung

Die Geschichte des Hainan-Hasen zeigt, dass das Ausbleiben von Beobachtungen nicht immer Aussterben bedeutet — die Natur ist oft widerstandsfähiger, als Berichte vermuten lassen. Gleichzeitig erinnert sie an die menschliche Verantwortung gegenüber der Landschaft: Straßen, Felder und Siedlungen können die fragilen Verbindungen zwischen kleinen Populationen schneller durchtrennen, als Biologen sie kartieren können.

Für Leser in Deutschland mag es sich um eine exotische Kuriosität von einer fernen Insel handeln, doch die Mechanismen hinter dem Schicksal des Hainan-Hasen ähneln überraschend jenen, die etwa den Feldhasen oder das Rebhuhn auf deutschen Äckern bedrohen. Ein einziger Fund an einer vielbefahrenen Straße wird so zur Erinnerung daran, dass Entscheidungen über Landnutzung und Bautempo sich unmittelbar auf die Überlebenschancen selbst der unscheinbarsten Arten auswirken. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie viele ähnliche Geschichten sich in der Landschaft vor Ihrer eigenen Haustür abspielen.

Author

  • Anja Klein ist eine professionelle Journalistin und Fotografin, die ihr Hobby zu einem groß angelegten Medienprojekt ausgebaut hat. Sie kaufte einen typischen deutschen „Klassischen Schrebergarten“ (ein kleines Mietgrundstück innerhalb der Stadtgrenzen) und dokumentiert seitdem jeden Schritt seiner Umgestaltung. Ihr Blog vereint visuelle Inspiration mit akribischer Praxis.

Scroll to Top