Diese wilde Küste Süditaliens kennt fast niemand

Jonisches Kalabrien: die ungezähmteste Seite des italienischen Südens

Tiefblaues Wasser, menschenleere Strände ohne einen einzigen Sonnenschirm und mittelalterliche Festungen, die fast im Meer zu versinken scheinen – so sieht einer der am wenigsten erkundeten Winkel Süditaliens aus. Ein Ort, an dem man noch immer weite Sandstreifen ohne Liegestuhlaneinanderreihungen findet und Dörfchen auf Felsvorsprüngen, die wie aus einer anderen Welt wirken.

Die Rede ist von der Ostküste Kalabriens – von der Grenze zur Basilikata bis in die Gegend um Reggio di Calabria. Die Region bietet kristallklares Wasser, authentische Städtchen, die ihrem eigenen Rhythmus folgen, und Spuren des antiken Griechenlands nur wenige Fahrminuten vom Strand entfernt.

Hunderte Kilometer fast unberührter Küste

Der jonische Teil Kalabriens erstreckt sich über Hunderte von Kilometern. Auf der einen Seite das tiefgefärbte Meer, auf der anderen Berge und grüne Hochebenen, die fast bis ans Ufer abfallen. Statt Hotelreihen begegnet man verstreuten Städtchen, Fischerhäfen und langen Abschnitten nahezu unberührter Küste.

Die Region unterscheidet sich je nach Abschnitt deutlich: der ruhige Norden mit breiten Stränden, der mittlere Teil mit Kiefernwäldern und dem größten Meeresschutzgebiet Italiens sowie der dramatischere Süden, wo hinter den Stränden Burgen und antike Ruinen aufragen. Das jonische Kalabrien bietet etwas, das anderswo schwer zu finden ist – Weite, sauberes Wasser und Orte, die den Massentourismus noch nicht erlebt haben.

Nördliche Jonische Küste: Kilometerstrände und mittelalterliche Städtchen

Ganz im Norden der jonischen Küste Kalabriens, direkt an der Grenze zur Basilikata, erstreckt sich eine Küste wie gemacht für alle, die keine Menschenmassen mögen. Der Strand Rocca Imperiale Marina zieht sich in einem langen Streifen dahin, wobei heller Sand allmählich in glatte Kiesel und felsige Fragmente übergeht. Das Wasser ist glasklar und gleich recht tief – ideal für alle, die gerne weiter hinausschwimmen oder mit der Schnorchelmaske den Meeresgrund erkunden.

Über der Bucht thront die mittelalterliche Bebauung von Rocca Imperiale auf etwa zweihundert Metern Höhe über dem Meer. Die steinerne Burg blickt direkt auf die Bucht, und im goldenen Abendlicht wirkt das gesamte Städtchen wie eine Kulisse aus einem Historienfilm. Nur wenige Autominuten weiter liegt Roseto Capo Spulico – ein Ort, der regelmäßig auf Postkarten aus Kalabrien landet. Weiße Kiesel, türkisfarbenes Wasser und eine Festung auf dem Fels direkt über den Wellen beeindrucken schon beim Blick von der Straße aus.

In der Umgebung von Amendolara verändert sich der Charakter der Küstenlinie. Sand wechselt sich mit buntem Kies und kleinen Kieseln ab, während das Wasser seine außergewöhnliche Klarheit beibehält. Hier findet man sowohl ausgestattete Badebereiche mit Liegestühlen als auch freie Strandabschnitte. Das alte Städtchen liegt weiter oben am Hang, und aus seinen engen Gassen bietet sich ein Blick sowohl aufs Meer als auch auf wellenförmige Felder und Olivenhaine – typisch kalabrische, etwas raue Landschaft.

Villapiana Lido gilt in diesem Abschnitt als einer der besten Orte für Familien mit Kindern. Heller, weicher Sand, ein sanfter Einstieg ins Wasser ohne plötzliche Tiefen und ein dichter Kiefernstreifen direkt hinter dem Strand, wo man sich vor der Mittagssonne verbergen kann. Hinter Trebisacce wird das Gelände rauer – der Sand weicht größeren Steinen, das Wasser ist tiefer und die Farbe des Meeres wandelt sich von hellem Grün zu intensivem Blau.

Region Sibari: einige der breitesten Strände an der jonischen Küste

In der Region Sibari befinden sich einige der breitesten Strände an der gesamten jonischen Küste Kalabriens. An manchen Stellen beträgt der Abstand von der Wasserlinie bis zum Kiefernwald hundert Meter. Goldener Sand, ein ruhiger Meereseinstieg und großzügiger Platz stellen sicher, dass man selbst in der Hochsaison leichter ein eigenes Stück Küste findet als an Italiens berühmten Stränden.

Sibari selbst liegt in einer der wenigen Ebenen Kalabriens, nahe einem Naturschutzgebiet an der Mündung des Flusses Crati. Es gibt einen großen Touristenkomplex mit künstlichen Lagunen, einem Hafen und Kanälen, auf denen kleine Boote fahren. An einem einzigen Tag kann man hier direkt vom Strand in eine antike Stadt wechseln – die Ruinen des antiken Sybaris liegen nur wenige Fahrminuten vom Ufer entfernt.

Der archäologische Park bewahrt die Überreste einer der reichsten griechischen Kolonien, die mehr als zweitausend Jahre alt sind. Funde von Keramik, Schmuck und architektonischen Elementen belegen, wofür Sybaris in der Antike berühmt war – für seinen Luxus und Reichtum. In der Umgebung befinden sich zudem Höhlen mit Schwefelquellen, die bei Besuchern beliebt sind, die ihren Strandaufenthalt mit einer einfachen Form der Bädertherapie verbinden möchten.

Mittlere Küste: Kiefern, Wein und das größte Meeresschutzgebiet Italiens

Fährt man weiter nach Süden, gelangt man zu einem Abschnitt namens Costa dei Saraceni. Über den breiten Sandstränden erheben sich die grünen Hänge des Sila-Greca-Massivs. Der Strand Lido Sant’Angelo in Rossano bietet hellen Sand, der mit feinen Kieseln durchsetzt ist, und einen ruhigen, sanften Meereseinstieg – ideal für ausgedehnte Badesessions.

Von den örtlichen Badeanlagen führen Wege ins Landesinnere, wo Nadelwälder und typischer mediterraner Pflanzenbestand duften. Rossano hat ausgeprägte Spuren seiner byzantinischen Vergangenheit bewahrt, darunter ein berühmtes illuminiertes Manuskript, das Kunstgeschichtsliebhaber anzieht.

Eine weitere markante Ortschaft dieses Abschnitts ist Cariati Marina. Der Strand erstreckt sich über mehr als zehn Kilometer, wechselt zwischen hellem Sand und Kieseln und bietet sowohl kostenpflichtige Badeeinrichtungen als auch freie Abschnitte. Die Region wird von Fachleuten dauerhaft mit der Blauen Flagge für hervorragende Bedingungen für Kinder ausgezeichnet. Es gibt sogar einen eigens ausgewiesenen Abschnitt für Erholung mit Hunden – ein praktisches Detail für Reisende mit vierbeinigen Begleitern.

Noch weiter südlich, in der Provinz Crotone, liegt Cirò Marina – ein Ort, der sowohl mit langen Sandstränden als auch mit der Produktion eines der bekanntesten italienischen Rotweine verbunden ist. Der beliebteste Küstenabschnitt, Punta Alice, besteht aus niedrigen Dünen, die mit aromatischer Vegetation und alten Olivenbäumen bewachsen sind. Hinter den Dünen erstreckt sich ein Kiefernwald mit Sandwegen – ein hervorragender Ort für einen Spaziergang im Schatten.

Isola di Capo Rizzuto und Le Castella: das größte Meeresschutzgebiet des Landes

Der Abschnitt rund um Isola di Capo Rizzuto gehört zu den eindrucksvollsten an der mittleren Küste. Das gesamte Gebiet ist Teil einer großen Schutzzone, die den artenreichen Meeresgrund und die Felsküsten bewahrt. Die Küste ist hier nicht eintönig – rotgoldener Feinsand wechselt sich mit felsigen Abschnitten ab, wo hinter dem Rand sofort tiefblaues Wasser beginnt.

Für Taucher mit Gerät oder Schnorchelmaske ist das ein Traumgelände. Die Sicht ist ausgezeichnet, und der Grund voller Felsen und üppiger Unterwasservegetation. Meeresbiologische Experten zählen die hiesigen Gewässer zu den artenreichsten an der gesamten jonischen Küste Italiens. Das Wahrzeichen dieses Teils Kalabriens ist die Burg Le Castella – sie steht auf einem felsigen Inselchen, das durch einen schmalen Landstreifen mit dem Festland verbunden ist.

Nach Einbruch der Dunkelheit spiegeln sich die beleuchteten Mauern und Türme im Meer und schaffen eine der fotogenischsten Aufnahmen ganz Kalabriens. Zwischen Capo Rizzuto und dem Kap Capo Colonna erstreckt sich ein etwa vierzig Kilometer langer Streifen geschützter Küste, wo Wissenschaftler seit Langem Populationen von Fischen, Korallen und anderen Meeresorganismen beobachten.

Südliche Jonische Küste: Buchten, lebhaftes Ferienort und griechische Spuren

Im Bereich der Bucht von Squillace, in der Provinz Catanzaro, trägt die Küste den Namen Costa degli Aranci. Einer der charakteristischsten Strände dieses Abschnitts ist Caminia – eine kleine Bucht, eingeschlossen zwischen zwei felsige Hänge. Sehr heller Sand, klares und in der Regel ruhiges Wasser dank natürlichem Windschutz. Zwischen den Felsen verbergen sich kleine Höhlen, die man schwimmend oder mit einem Tretboot erkunden kann. Der Grund fällt schnell ab und die Farbe des Meeres wechselt abrupt von Türkis zu fast Kobaltblau.

Nur wenige Kilometer weiter ist die Atmosphäre deutlich anders. Soverato ist im Grunde das wichtigste Ferienörtchen in diesem Winkel Kalabriens. Sehr heller Sand, türkisfarbenes Meer und eine lebhafte Uferpromenade voller Bars, Restaurants und Clubs sorgen für Betrieb noch lange nach Sonnenuntergang. Die örtlichen Strände werden regelmäßig für ihre Wasserqualität und gute Ausstattung für Familien ausgezeichnet.

Weiter südlich beginnt die Riviera dei Gelsomini, die sich entlang eines Teils der Provinz Reggio di Calabria zieht. Der Strand in Roccella Ionica ist ein langer Streifen aus hellem Sand, der mit feinen Kieseln durchsetzt ist. Bei gutem Wetter hat das Wasser eine intensive Türkisfarbe. Über dem Städtchen ragt die mittelalterliche Burg Principi Carafa auf, zu der ein Aussichtsweg führt. Das alte Roccella mit seinen engen, den Hügel hinaufkletternden Gassen schafft in der Dämmerung eine stimmungsvolle Szenerie über dem beleuchteten Küstenstreifen.

In Locri hat der Strand eine gemischte Struktur – heller Sand mit Kiesbeimischung, in der Umgebung Wacholdergebüsch, Rosmarin und Kiefern und in der Luft der schwere Duft mediterraner Vegetation. Die größte Überraschung in Locri wartet gleich hinter dem Küstenstreifen: ein ausgedehntes archäologisches Areal einer antiken griechischen Stadt mit Fragmenten von Tempeln und Heiligtümern. Besucher sehen hier Überreste eines Bauwerks im ionischen Stil, Objekte, die mit dem Kult von Fruchtbarkeitsgöttinnen verbunden sind, und Reste einstiger Befestigungsanlagen. Ein Morgenspaziergang durch die Ruinen und ein Nachmittagsbad im Meer – das beschreibt treffend den Charakter des gesamten jonischen Kalabriens. Der Strand grenzt hier fast immer an Geschichte.

Wie man eine Reise entlang der jonischen Küste Kalabriens plant

Die gesamte jonische Küste Kalabriens wird von einer Staatsstraße begleitet, die sehr nah am Meer entlangführt. Das ist die Hauptroute, die es ermöglicht, bequem zwischen Stränden und Städtchen zu wechseln. Die größte Freiheit bietet ein eigenes Auto – es ermöglicht, an einer unbeschilderten Bucht anzuhalten oder in ein höher gelegenes Borgo abzubiegen.

Flugreisende können zwischen den Flughäfen Lamezia Terme und Reggio di Calabria wählen oder Flughäfen in benachbarten Regionen nutzen. Von dort lässt sich mit dem Zug weiterreisen, dessen Strecke großteils direkt an der Küste entlangführt. Die Züge halten an größeren Orten wie Soverato, Roccella Ionica, Locri oder Sibari. Zu abgelegeneren Stränden gelangt man dann mit dem Bus, einem Mietwagen oder dem Fahrrad.

Erfahrene Besucher wählen am häufigsten Juni oder September – ein Kompromiss zwischen sommerlicher Stimmung und weniger Touristenandrang. Im Frühling sind die Strände fast leer, was ungestörte Spaziergänge und ruhige Erkundungen archäologischer Stätten sowie Bergpfade begünstigt.

Die gesamte kalabrische jonische Küche dreht sich um Fisch und Meeresfrüchte. In Häfen und kleinen Trattorien regieren frittierte Kleinfische, gegrillte Tintenfische, Schwertfischgerichte sowie lokaler Konservierter Thunfisch und Sardellen. Dazu kommen die scharfen Akzente des berühmten kalabrischen Peperoncino und sehr aromatisches Olivenöl aus örtlichen Hainen.

Es empfiehlt sich, in kleinen Betrieben nach dem Tagesangebot zu fragen. An vielen Orten wird nach dem gekocht, was morgens im Hafen angelandet oder auf den nahen Feldern gereift ist – nicht nach einer festen gedruckten Speisekarte.

Was man unbedingt probieren sollte:

  • Als Vorspeise – marinierter Fisch, Brot mit Olivenöl und scharfe Pasten mit Peperoncino
  • Als erster Gang – handgemachte Pasta mit Fisch- oder Gemüsesauce
  • Als Hauptgericht – gegrillter oder gebackener Fisch, serviert mit Kräutern und Zitrone
  • Als Dessert – Süßigkeiten auf Mandel-, Honig- und Saisonfrüchtebasis
  • Lokale Rotweine aus der Region Cirò Marina
  • Olivenöl aus einheimischen Plantagen
  • Pikante kalabrische Spezialitäten mit Peperoncino
  • Frische Meeresfrüchte aus dem täglichen Fang

Worauf man bei der Reiseplanung in diesen Teil Italiens achten sollte

Das jonische Kalabrien lockt mit Ruhe, aber etwas Vorbereitung zahlt sich aus. In kleineren Gemeinden außerhalb der Saison sind manche Bars und Restaurants geschlossen – Flexibilität bei der Mahlzeitenplanung ist von Vorteil. Nicht vergessen: Manche Strände haben steinigen Untergrund. Badeschuhe können einen guten Teil der Unannehmlichkeiten beim Meereseintritt ersparen.

Für alle, die gerne verschiedene Erholungsformen abwechseln, ist diese Region eine interessante Alternative zu überfüllten Ferienorten. An einem einzigen Tag lässt sich hier ein Spaziergang durch antike Ruinen, eine Weinverkostung, der Abstieg in eine stille Bucht und ein Abendessen auf einer Terrasse mit Meerblick kombinieren. Dieses Tempo – ungehetzt und dennoch voller Erlebnisse – ist eine wunderbare Möglichkeit, wirklich Abstand von den Menschenmassen in den touristisch überlasteten Teilen Italiens zu gewinnen.

Author

  • Anja Klein ist eine professionelle Journalistin und Fotografin, die ihr Hobby zu einem groß angelegten Medienprojekt ausgebaut hat. Sie kaufte einen typischen deutschen „Klassischen Schrebergarten“ (ein kleines Mietgrundstück innerhalb der Stadtgrenzen) und dokumentiert seitdem jeden Schritt seiner Umgestaltung. Ihr Blog vereint visuelle Inspiration mit akribischer Praxis.

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