Im Pazifik wurden 24 unbekannte Krebstiere entdeckt. Die Region zieht Bergbauunternehmen und Politiker an

Ein Fund aus der Tiefsee, der den Blick auf den Meeresbergbau verändert

Am Boden des Pazifischen Ozeans, in einem Gebiet, auf das Bergbaukonzerne und Donald Trump bereits ein Auge geworfen haben, identifizierten Wissenschaftler eine Gruppe völlig neuer Kleinkrebsarten. Ihr Nachweis wurde sofort zu einer ernsthaften Warnung für die Industrie, die Tiefseeabbau plant.

Was als routinemäßige Analyse von Tiefsee-Sedimenten begann, entpuppte sich schnell als bedeutender wissenschaftlicher Durchbruch. In der Clarion-Clipperton-Zone, die sich zwischen Mexiko und den Hawaiischen Inseln erstreckt, entdeckte ein Team aus sechzehn Forschern insgesamt 24 bislang unbekannte Tiefsee-Krebstierarten. Dieses Gebiet erregt die Aufmerksamkeit von Bergbauunternehmen und Politikern – darunter Donald Trump –, die darin eine künftige Quelle strategischer Rohstoffe sehen.

Der Großteil der hiesigen Tierwelt wartet noch auf seine Benennung

Dass neue Arten ausgerechnet im Mittelpunkt der Debatte über die Zukunft des Meeresbodens entdeckt werden, ist kein Zufall. Wissenschaftler weisen immer wieder darauf hin, dass wir vor Beginn eines massiven Abbaus wissen sollten, was wir zu zerstören drohen. Schätzungen zufolge leben in der Clarion-Clipperton-Zone rund 5.600 Arten, von denen bis zu 90 Prozent wissenschaftlich noch nicht formal beschrieben wurden.

Anders ausgedrückt: Die überwiegende Mehrheit der dortigen Fauna könnte unwiederbringlich verschwinden, bevor wir sie überhaupt kennenlernen. Dieser beunruhigende Gedanke verleiht der gesamten Bergbaudebatte eine völlig neue Dimension.

Tiefsee-Reinigungskräfte: klein, aber unverzichtbar

Die neu beschriebenen Arten gehören zur Gruppe der Amphipoden, auch Flohkrebse genannt. Es handelt sich um kleine, oft halbtransparente Tiere, die in den Meerestiefen die Rolle natürlicher Zersetzer übernehmen. Einige ernähren sich von Bodensedimenten, andere jagen winzige Wirbellose.

Obwohl viele Individuen nur wenige Millimeter messen, können die größten Vertreter eine Größe erreichen, die mit einem Toastbrot vergleichbar ist. Für die Forschung wurden riesige Blöcke aus Tiefseeschlamm aus mehr als viertausend Metern Tiefe entnommen. Von außen sieht das nach nichts weiter als brauner Masse aus – erst im Labor zeigte sich, dass jede Probe eine ganze Welt unbekannter Miniaturlebewesen verbirgt.

Die Analysen leitete ein internationales Team unter der Führung von Anna Jażdżewska von der Universität Łódź und Tammy Horton vom britischen National Oceanography Centre. Die neuen Arten wurden 2024 auf einem taxonomischen Workshop formal beschrieben und die Ergebnisse anschließend in einem Fachjournal veröffentlicht.

Ein Krebstier, benannt nach einer Figur aus einem Videospiel

Eines der neu beschriebenen Tiere trägt den wissenschaftlichen Namen Lepidepecreum myla. Der Artname myla bezieht sich auf eine Figur aus dem beliebten Videospiel Hollow Knight. Den Forschern erinnerte das winzige Lebewesen an einen verletzlichen Charakter, der in einer feindseligen, völlig lichtlosen Umgebung ums Überleben kämpft.

Dies ist ein ungewöhnliches Beispiel dafür, wie Spielkultur in ein hochspezialisiertes Gebiet der Biologie einfließt. Artnamen werden üblicherweise aus dem Lateinischen, Griechischen, Wissenschaftlernamen oder Ortsbezeichnungen abgeleitet. In diesem Fall verfolgte die Namenswahl auch einen praktischen Zweck: das Interesse jüngerer Generationen für die Tiefsee zu wecken, die oft als weit entfernt und schwer greifbar wahrgenommen wird.

Ein neuer Ast am Stammbaum des Lebens: eine Überfamilie aus der Tiefsee

Das vielleicht noch bedeutendere Ergebnis der gesamten Forschung ist nicht die bloße Anzahl neuer Arten, sondern die Einführung einer völlig neuen Klassifikationseinheit – der Überfamilie Mirabestioidea. Innerhalb dieser wurde auch eine neue Familie, die Mirabestiidae, abgegrenzt. Die Einführung einer Überfamilie in das biologische System ist ein Ereignis, das in einer bestimmten Organismengruppe vielleicht einmal in mehreren Forschergenerationen vorkommt.

Zum Vergleich: Menschen, Schimpansen und Gorillas gehören einer gemeinsamen Überfamilie der Hominoidea an. Die neue Überfamilie der Flohkrebse stellt also einen eigenständigen Evolutionszweig dar, der sich über Millionen von Jahren auf eigene Weise entwickelt hat – und über den es bis vor Kurzem keinerlei wissenschaftliche Aufzeichnungen gab.

Darüber hinaus erstellten die Wissenschaftler sogenannte DNA-Barcodes für einen Teil der neuen Arten. Dabei handelt es sich um kurze genetische Sequenzen, die eine schnelle Identifizierung von Organismen in künftigen Proben ermöglichen. Zukünftige Expeditionen können so mithilfe eines einzigen genetischen Tests feststellen, ob dieselben Arten an einem bestimmten Ort vorkommen oder vielleicht etwas noch Ungewöhnlicheres.

Warum molekulare DNA-Barcodes so wichtig sind

  • Sie ermöglichen den Nachweis von Arten, selbst wenn eine Probe nur Gewebefragmente enthält
  • Sie erleichtern den Vergleich von Ergebnissen verschiedener Expeditionen und Forschungseinrichtungen
  • Sie helfen dabei, schnell abzuschätzen, wie viele der vor Ort lebenden Arten bereits bekannt sind und wie viele noch unbeschrieben bleiben
  • Sie schaffen die Grundlage für die Beobachtung der Auswirkungen von Bergbauaktivitäten auf die Artenvielfalt
  • Sie beschleunigen die Identifizierung neuer Funde ohne aufwändige morphologische Analyse
  • Sie fördern die internationale Zusammenarbeit bei der Kartierung des Meeresbodens

Diese Werkzeuge sind besonders dort entscheidend, wo eine schnelle Veränderung des Lebensraums durch menschliche Eingriffe droht. Genetische Datenbanken werden so zur Absicherung gegen den Verlust von Informationen über Arten, die verschwinden könnten, bevor wir sie gründlich untersuchen konnten.

Clarion-Clipperton: Metalllager oder Reservat des Lebens?

Die Clarion-Clipperton-Zone im zentralen Pazifik steht in den Plänen von Bergbauunternehmen als künftiges Eldorado der Metalle. Auf ihrem Boden liegen enorme Mengen an polymetallischen Knollen – dunklen, kartoffelähnlichen Gesteinsformationen, die reich an Mangan, Kobalt und Nickel sind. Diese Elemente sind entscheidend für die Herstellung von Solarmodulen, Windkraftanlagen und Batterien für Elektrofahrzeuge.

Befürworter des Tiefseebergbaus argumentieren, dass ohne die Nutzung der Ressourcen unter dem Meeresboden die Energiewende nur schwer zu beschleunigen sei. Auf der anderen Seite melden sich immer dringlicher Wissenschaftler und Umweltorganisationen zu Wort, die warnen, dass mögliche Gewinne zu enormen Verlusten für die Natur führen könnten. Aktiv in die Diskussion eingeschaltet hat sich auch Donald Trump, der sich für eine rasche Erschließung des Gebiets zur Rohstoffgewinnung einsetzte und damit die öffentliche Aufmerksamkeit auf den gesamten Streit lenkte.

Forscher des National Oceanography Centre und der Universität Łódź betonen ein grundlegendes Argument: Bevor wir mit dem Abbau beginnen, müssen wir verstehen, was wir zerstören. Jede Expedition in dieses Gebiet bringt Dutzende neuer Arten ans Licht – und das zeigt deutlich, wie wenig wir über diese Orte eigentlich wissen.

Das Programm „One Thousand Reasons“: ein Wettlauf gegen die Zeit

Die Beschreibung der neuen Flohkrebsarten fügt sich in eine umfassendere Initiative namens One Thousand Reasons ein. Ihr Ziel ist es, bis zum Jahr 2030 tausend Tiefseearten aus diesem Teil des Pazifiks formal zu beschreiben. Bei einem Tempo von rund zwanzig Arten pro Jahr sind die Wissenschaftler zuversichtlich, innerhalb eines Jahrzehnts ein ausreichend vollständiges Bild der Amphipoden-Vielfalt in der betreffenden Zone zusammenstellen zu können.

Dabei geht es nicht nur um wissenschaftlichen Ehrgeiz. Konkrete Artnamen, Fotografien und genetische Daten wirken in politischen und wirtschaftlichen Debatten deutlich überzeugender als anonymer Schlamm vom Meeresgrund. Es ist schlicht einfacher, den Schutz einer einzigartigen Fauna zu fordern als den einer abstrakten Bergbauzone. Daher arbeiten die Forscher mit internationalen Organisationen zusammen, die die Nutzung des Meeresbodens regulieren.

Expeditionen in die Clarion-Clipperton-Zone sind kostspielig und technisch äußerst anspruchsvoll. Die Wissenschaftler müssen spezialisierte Sonden, Unterwasserroboter und Labore einsetzen, die für die Arbeit mit Material aus extremen Tiefen ausgestattet sind. Dennoch gelingt es Jahr für Jahr, die wissenschaftlichen Datenbanken zu erweitern und diesen nahezu unbekannten Teil unseres Planeten schrittweise zu kartieren.

Wie Tiefseebergbau in der Praxis aussieht

Unternehmen, die an der Erschließung der Clarion-Clipperton-Zone interessiert sind, testen bereits Prototypen von Maschinen, die riesigen Erntekombines ähneln. Ihre Aufgabe ist es, Knollen vom Meeresboden aufzusammeln, zu zerkleinern und über Rohrleitungen zu Schiffen zu transportieren. Dieser Prozess erzeugt Sedimentwolken, die viele Kilometer weit driften, die Kiemenfilter von Organismen verstopfen und deren Lebensräume verwüsten können.

Hinzu kommen Lärm, Vibrationen und die dauerhafte Anwesenheit schwerer Technik in einer Umgebung, die seit Millionen von Jahren relativ stabil geblieben ist. Tiefseeorganismen leben langsam, wachsen über lange Zeiträume und haben oft ein sehr begrenztes Verbreitungsgebiet. Sinken ihre Populationen unter den Einfluss menschlicher Eingriffe, kann eine Erholung auf das ursprüngliche Niveau im Maßstab eines Menschenlebens praktisch unmöglich sein.

Tests von Bergbaugeräten in der Region haben außerdem gezeigt, dass selbst kurzfristige Operationen Spuren hinterlassen, die noch Jahre später sichtbar sind. Sedimente setzen sich auf Korallen, Schwämmen und anderen Filtratoren ab, die die Grundlage der Nahrungsnetze bilden. Der Verlust dieser Organismen könnte ganze Ökosysteme auf einer Fläche von Tausenden von Quadratkilometern destabilisieren.

Was man mit diesem Wissen anfangen kann

Für viele Menschen klingt das Thema der Pazifiktiefsee abstrakt. Dabei beeinflussen alltägliche Kaufentscheidungen – die Wahl eines Telefons, eines Autos oder einer Energiequelle – indirekt die Nachfrage nach Metallen vom Meeresgrund. Höhere Recyclingquoten, längere Nutzung von Elektronikgeräten oder Druck auf Hersteller, Rohstoffe aus der Rücknahme zu verwenden – all das kann den Druck verringern, neue Abbaugebiete zu erschließen.

Es lohnt sich auch, aufmerksam zu verfolgen, wie Unternehmen und Regierungen ihre Pläne zum Tiefseebergbau kommunizieren. Die verwendeten Argumente betonen häufig die grüne Transformation, erklären aber selten die ökologischen Kosten und wissenschaftlichen Unsicherheiten. Forschungsarbeiten wie die Beschreibung von 24 neuen Flohkrebsarten aus der Clarion-Clipperton-Zone helfen dabei, das fehlende Stück dieses Puzzles zu ergänzen: was konkret verschwinden könnte, bevor die Wissenschaft es überhaupt angemessen erfassen kann. Vielleicht lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob wir wirklich jedes Jahr ein neues Telefon brauchen.

Author

  • Anja Klein ist eine professionelle Journalistin und Fotografin, die ihr Hobby zu einem groß angelegten Medienprojekt ausgebaut hat. Sie kaufte einen typischen deutschen „Klassischen Schrebergarten“ (ein kleines Mietgrundstück innerhalb der Stadtgrenzen) und dokumentiert seitdem jeden Schritt seiner Umgestaltung. Ihr Blog vereint visuelle Inspiration mit akribischer Praxis.

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