Zwei verborgene Räume in der Gizeh-Pyramide? Forscher enthüllen unbekannte Gänge

Die kleinste Pyramide von Gizeh birgt unerwartete Geheimnisse

Die kleinste der berühmten drei Pyramiden von Gizeh steht plötzlich im Mittelpunkt eines internationalen Forscherteams. Fortschrittliche Bildgebungstechnologien haben hinter ihrer östlichen Fassade nämlich zwei Hohlräume aufgedeckt – und diese könnten Teil eines bislang unbekannten Ganges sein, der vor mehr als viertausend Jahren geplant wurde.

Die Mykerinos-Pyramide stand lange im Schatten ihrer monumentalen Nachbarinnen. Erst jetzt zeigt sich, dass sie weitaus mehr verbirgt, als Geschichtsbücher je andeuteten.

Ein übersehenes Bauwerk, das auf seinen Moment wartete

Auf dem Hochplateau von Gizeh zogen vor allem die Cheops- und die Chephren-Pyramide die Aufmerksamkeit der Forscher auf sich. Die dritte – die Mykerinos-Pyramide – wirkte wie eine bescheidene Ergänzung: kleiner, weniger imposant, scheinbar besser erforscht. In Wirklichkeit ist genau das Gegenteil der Fall.

Die Pyramide entstand unter der Herrschaft der vierten Dynastie um etwa 2490 vor unserer Zeitrechnung. Den unteren Teil ihrer Ostseite bedeckt bis heute eine Granitverkleidung – sorgfältig poliert und überraschend gleichmäßig. Archäologen fragten sich lange, warum gerade dieser Abschnitt so präzise bearbeitet wurde, während andere Teile des Bauwerks deutlich schlichter ausgeführt sind.

Die Anordnung der Granitverkleidung erinnert auffällig an die Umgebung des einzigen bekannten Eingangs an der Nordseite. Das weckte von Anfang an den Verdacht, dass der elegante „Rahmen“ im Osten mehr verbergen könnte als ein bloßes Dekorationselement. Der Ägyptologe Stijn van den Hoven stellte 2019 eine mutige Hypothese auf: Hinter den perfekt ausgerichteten Blöcken könnte sich ein zweiter, bislang unentdeckter Eingang verbergen. Damals fehlten jedoch die geeigneten technischen Mittel zur Überprüfung.

Eine Pyramide durchleuchten – ohne einen einzigen Meißelschlag

Den eigentlichen Durchbruch brachte das internationale Projekt ScanPyramids. Wissenschaftler der Universität Kairo und der Technischen Universität München griffen auf eine Reihe von Methoden zurück, die es ermöglichen, das antike Bauwerk buchstäblich zu „durchleuchten“ – ohne dass ein Werkzeug seine Oberfläche berührt.

Das Forschungsteam kombinierte drei Bildgebungsverfahren: elektrische Tomografie, Georadar und Ultraschallbildgebung. Das Ganze funktioniert ähnlich wie eine umfassende medizinische Untersuchung des gesamten Körpers – nur im Maßstab eines steinernen Berges. Jede Methode erfasst andere Materialeigenschaften: Elektrische Tomografie misst die Leitfähigkeit, Georadar reflektiert Wellen von verschiedenen Schichten, und Ultraschall reagiert auf Dichteunterschiede im Inneren der Konstruktion.

Um die Zuverlässigkeit der Ergebnisse zu erhöhen, verwendeten die Forscher die sogenannte digitale Bildfusion. Dabei werden die Ausgaben verschiedener Geräte übereinandergelegt und wiederkehrende Anomalien gesucht. Taucht dieselbe „Spur“ unabhängig voneinander in mehreren Messungen auf, wächst die Gewissheit, dass es sich nicht um ein technisches Artefakt, sondern um ein tatsächliches Konstruktionsmerkmal handelt.

Genau diese Methodik erlaubt es, präzise jene Stellen zu lokalisieren, wo sich innerhalb der Steinmasse kein kompaktes Gestein, sondern ein leerer Raum befindet. Die Archäologie tritt damit in eine neue Ära ein – statt Hämmern und Meißeln kommen zunächst Messungen, Simulationen und virtuelle Rekonstruktionen zum Einsatz.

Zwei Kammern hinter der Granitfassade

Die im Jahr 2025 in einer Fachzeitschrift veröffentlichten Analysen brachten ein konkretes Ergebnis. Hinter der polierten Ostwand der Pyramide registrierten die Forscher zwei deutliche Lufthohlräume.

  • Die erste Kammer liegt etwa 1,4 Meter unter der Oberfläche, ihre Breite beträgt rund 1,5 Meter und ihre Höhe etwa einen Meter.
  • Der zweite Hohlraum befindet sich flacher – in einer Tiefe von etwa 1,13 Metern – mit Abmessungen von ungefähr 0,9 × 0,7 Metern.
  • Es handelt sich weder um natürliche Risse noch um zufällige Lücken im Mauerwerk.
  • Die gegenseitige Anordnung beider Räume deutet darauf hin, dass jemand dieses Layout bewusst geplant hat.
  • Die Wissenschaftler interpretieren diese Daten als starkes Signal für das Vorhandensein eines Gangfragments, einer technischen Kammer oder eines Durchgangs, der tiefer ins Innere der Pyramide führt.
  • Der Bereich, der bislang als dekoratives Architekturdetail galt, beginnt wie ein durchdachter „Verschluss“ auszusehen, der einen Teil eines verborgenen Bauplans verdeckt.

Das bloße Vorhandensein der Hohlräume beantwortet zwar nicht die Frage nach ihrem ursprünglichen Zweck, doch ihre Konfiguration erinnert stark an Situationen, auf die Forscher bei anderen Pyramiden gestoßen sind. Im Jahr 2023 enthüllten ähnliche Methoden in der Cheops-Pyramide einen etwa neun Meter langen Gang, der über dem Haupteingang verborgen war. Dieser Fund bestätigte, dass altägyptische Baumeister routinemäßig komplexe Durchgangssysteme errichteten, die absichtlich mit speziell geformten Blöcken getarnt wurden.

Der geheimnisvolle trapezförmige Block

Besondere Aufmerksamkeit erregte noch ein weiteres Element. Einer der Granitblöcke an der Ostwand hat eine charakteristische Trapezform und verhält sich bei Messungen anders als die benachbarten Steine. Als wäre er speziell als verstärkter „Deckel“ konstruiert worden, um das zu schützen, was sich dahinter verbirgt.

Könnte es ein zweiter Eingang zur Grabkammer des Pharaos sein?

Ein solcher Block konnte gleich mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen: die Stabilität des Eingangs gegen das Setzen der Konstruktion sichern, die Öffnung eines Ganges verbergen und gleichzeitig potenzielle Grabräuber abschrecken, die nach einem leichten Zugang zur Grabkammer suchten. Ägyptische Architekten verknüpften geschickt symbolische und praktische Anforderungen, sodass getarnte Durchgänge niemanden überraschen sollten.

Sollte die Existenz eines verborgenen Ganges an der Ostfassade bestätigt werden, würde dies das Bild der Pyramiden als weitaus durchdachtere Strukturen stärken, als ihr schlichter äußerer Umriss vermuten lässt. Das innere System aus Gängen, Kammern und Entlastungsräumen wurde so konzipiert, dass es die zentrale Grabkammer sowohl vor dem Druck der Steinmassen als auch vor unerwünschten Besuchern schützte.

Verborgene Eingänge könnten jedoch auch rein rituellen Zwecken gedient haben. Zugangswege für Priester, symbolische Pfade für die Seele des Pharaos in den Himmel, Durchgänge für Beerdigungsprozessionen – diese Interpretationen begleiten die Pyramidenforschung seit Jahrzehnten. Jedes neu entdeckte Element kann die Wahrnehmung dieser Bauwerke von einer rein „sepulkralen“ Funktion hin zu einer zeremoniellen und ideologischen Rolle verschieben.

Warum Forscher die Begeisterung bewusst bremsen

Trotz des medialen Echos dämpfen Experten die Erwartungen bewusst. Es ist noch unklar, wie weit die erfassten Kammern reichen und ob sie mit bereits bekannten Räumen im Inneren der Pyramide verbunden sind. Antworten könnten weitere Techniken liefern – etwa die Myonentomografie, die kosmische Teilchen nutzt, oder Wärmebildaufnahmen, die zu verschiedenen Tageszeiten durchgeführt werden.

Jeder physische Eingriff in die Struktur des Bauwerks muss absolut minimal sein. Schließlich sprechen wir von einem der wertvollsten Denkmäler der Menschheit. Selbst wenn Messungen zu einem direkten Eingriff einladen würden, bräuchten Archäologen und Restauratoren die Genehmigung ägyptischer Behörden sowie einen außerordentlich präzisen Aktionsplan. Hier zählt Geduld genauso viel wie wissenschaftliche Neugier.

Hinter dem Projekt stehen nicht nur Universitäten – beteiligt sind auch Unternehmen, die auf digitale Baukörpermodellierung spezialisiert sind, Experten für kulturelles Erbe sowie ägyptische Denkmalschutzbehörden. Fortschrittliche Software ermöglicht die Erstellung dreidimensionaler Pyramidenmodelle, in denen verschiedene Szenarien getestet werden können, ohne dass das ursprüngliche Bauwerk in irgendeiner Weise gefährdet wird.

Die Pyramide wird gewissermaßen zum digitalen „Patienten“ – von allen Seiten untersucht und analysiert, bevor jemand es wagt, einen einzigen Stein anzufassen. Dieser Ansatz verändert die Arbeitsweise von Archäologen und findet auch bei der Betreuung von Brücken, Hochhäusern oder Tunneln Anwendung.

Was uns das über antike Baumeister verrät – und was als nächstes kommt

Der gesamte Prozess wird erhebliche Zeit in Anspruch nehmen – jede Phase muss sorgfältig dokumentiert und ausgewertet werden. Sollten künftige Messungen bestätigen, dass die Kammern weiter fortführen, müssen ägyptische Behörden entscheiden, ob eine physische Freilegung eines Teils der Ostfassade zugelassen wird. Es wird ein Konflikt zweier Werte sein: die Wahrung der Denkmalintegrität und das Verlangen, sein Inneres besser kennenzulernen.

Im Hintergrund schwebt auch die Frage des Tourismus. Jede Veränderung in der Präsentation der Pyramide – ob Zugänglichmachung einer neuen Besichtigungsroute oder digitaler Rekonstruktionen – würde den Betrieb auf dem gesamten Hochplateau sofort beeinflussen. Ägypten setzt stark auf die Entwicklung des Tourismus, will aber gleichzeitig keine Schäden durch Überlastung dieser Stätten riskieren.

Die Geschichte aus Gizeh erinnert uns daran, wie leicht wir glauben, über ein Thema bereits alles zu wissen. Jahrzehntelang galt die Mykerinos-Pyramide als weniger komplexes Bauwerk. Erst die Verbindung von Ingenieurwesen, Physik und Archäologie hat enthüllt, dass dieses scheinbar schlichtere Objekt ebenso tiefe Geheimnisse birgt wie seine berühmteren Nachbarn. Sobald künftige Messungen das verborgene System im Inneren der Pyramide noch präziser abbilden, werden Wissenschaftler gemeinsam die Frage beantworten können, wie weit die Vorstellungskraft und das technische Können der antiken Baumeister wirklich reichten.

Author

  • Anja Klein ist eine professionelle Journalistin und Fotografin, die ihr Hobby zu einem groß angelegten Medienprojekt ausgebaut hat. Sie kaufte einen typischen deutschen „Klassischen Schrebergarten“ (ein kleines Mietgrundstück innerhalb der Stadtgrenzen) und dokumentiert seitdem jeden Schritt seiner Umgestaltung. Ihr Blog vereint visuelle Inspiration mit akribischer Praxis.

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