Ein Experiment, das alle Erwartungen übertraf
Vier Jahrzehnte nach einem ungewöhnlichen Feldversuch bestätigen Studienergebnisse: Diese unorthodoxe Maßnahme gehört zu den wirksamsten Eingriffen, die dem Mount St. Helens neues Leben eingehaucht haben. Nagetiere, die normalerweise als lästige Schädlinge gelten, wurden zu den stillen Helden eines wiedergeborenen Ökosystems.
Der Vulkan, der eine Landschaft in eine Mondwüste verwandelte
Am 18. Mai 1980 erschütterte der Ausbruch des Mount St. Helens den gesamten Bundesstaat Washington. Die Katastrophe kostete 57 Menschen das Leben, und ausgedehnte Wälder verwandelten sich binnen Augenblicken in eine graue, aschebedeckte Einöde. Eine mächtige Schicht aus Bimsstein und glühenden Gesteinspartikeln begrub sämtliche Vegetation und Tierwelt. Die Landschaft glich fortan der Oberfläche eines fremden Planeten.
Biologen schätzten damals, dass eine vollständige Erholung der Natur Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte dauern würde. Der Boden hatte nicht nur seine Fruchtbarkeit verloren, sondern auch die Mikroorganismen, die unter normalen Umständen Pflanzen mit Mineralstoffen versorgen. In den ersten Jahren nach dem Ausbruch ließen sich in der gesamten steinigen Ödnis kaum mehr als einzelne Pflanzen zählen.
Eine ungewöhnliche Idee: Den Boden mit Zieseln zum Leben erwecken
Ein Forscherteam aus Kalifornien und anderen Institutionen suchte nach Wegen, die Erholung der Natur an den Berghängen zu beschleunigen. Statt auf schwere Maschinen oder Industriedünger setzten sie auf etwas weitaus Kleineres und Beweglicheres — auf grabende Nagetiere, konkret auf Ziesel.
Die Wissenschaftler gingen davon aus, dass intensives Graben ältere, fruchtbare Erdschichten an die Oberfläche befördern würde, zusammen mit Bakterien und Pilzen, die tief unter der Ascheschicht überlebt hatten. Im Mai 1983, drei Jahre nach dem Ausbruch, brachten sie eine Gruppe Ziesel auf zwei abgegrenzte Versuchsflächen voller Bimsstein. Die Tiere verbrachten dort lediglich einen einzigen Tag — für den Menschen eine flüchtige Episode, für den zerstörten Boden jedoch ein mächtiger Impuls.
Der Schädling, der seine Rolle neu definierte
Im landwirtschaftlichen Alltag sind Ziesel der Schrecken vieler Bauern. Sie graben Gänge, unterminieren Wurzeln und vernichten Ernten. Doch genau dieses natürliche Verhalten — das unermüdliche Graben und Umschichten der Erde — wurde diesmal zu einer wertvollen ökologischen Dienstleistung.
- Sie beförderten tiefere, ältere und nährstoffreiche Bodenschichten an die Oberfläche
- Sie brachen die kompakte Kruste aus Asche und Bimsstein auf
- Sie schufen kleine Mikrohabitate, die Wasser zurückhalten konnten
- Sie ermöglichten Samen, in tiefere Bodenschichten einzudringen
- Sie brachten Bakterien und Pilze aus ungestörten Bodenbereichen an die Oberfläche
- Sie lockerten stark verdichtete Substratschichten auf
Mikrobiologe Michael Allen von der Universität Kalifornien gab Jahre später zu, dass er genau auf diesen „Durchmischungseffekt“ des Untergrunds von Anfang an gesetzt hatte. Die Ziesel sollten längst gebildeten Boden an die Oberfläche transportieren und damit den Weg für eine schrittweise Regeneration der Pflanzenwelt ebnen.
Sechs Jahre später: 40.000 Pflanzen dort, wo einst Ödland herrschte
Die Ergebnisse des Experiments übertrafen alle ursprünglichen Erwartungen bei Weitem. Als die Forscher sechs Jahre später dieselben Flächen erneut besuchten, bot sich ihnen ein völlig verändertes Bild. Wo zuvor nur vereinzelte Pflanzen überlebt hatten, zählten sie nun rund vierzigtausend Exemplare aus zahlreichen verschiedenen Arten.
Die umliegenden Flächen wirkten noch immer tot und ausgedörrt, doch beide Parzellen, über die die Ziesel einst gewandert waren, wimmelten vor Grün. Der Kontrast erinnerte an den Unterschied zwischen einer Wüste und einem jungen Wald. Die Pflanzen tauchten nicht nur spontan auf — sie breiteten sich allmählich weiter aus und besiedelten benachbarte Bereiche.
Mit der wachsenden Vegetation kehrten Insekten zurück, Vögel folgten und schließlich auch größere Tiere. Ein einziger Tag des Grabens hatte eine ganze Kette ökologischer Veränderungen ausgelöst. Douglasien und Tannen, die auf den Versuchsflächen aufgewachsen waren, entwickelten sich deutlich schneller als Bäume auf den Nachbarflächen, die die Nagetiere nicht berührt hatten.
Unsichtbare Verbündete: Mykorrhizapilze
Eine neue Studie, die im Fachjournal Frontiers veröffentlicht wurde, enthüllt, was in den folgenden Jahrzehnten unter der Erdoberfläche vor sich ging. Eine Schlüsselrolle spielten dabei Mykorrhizapilze, die in Symbiose mit Pflanzenwurzeln leben.
Ihre Funktion in der Natur erscheint zunächst simpel, ist aber von enormer Wirkung: Ein feines Netzwerk aus Pilzfäden vergrößert die Reichweite der Wurzeln und hilft Pflanzen dabei, Wasser und Mineralstoffe aufzunehmen. Im Gegenzug erhält der Pilz von der Pflanze einen Teil der bei der Photosynthese gebildeten Zucker.
Die Forscher stellten fest, dass sich die Gemeinschaft der Bodenmikroorganismen an den Stellen, wo die Ziesel gearbeitet hatten, außergewöhnlich stark entwickelt hatte. Mykorrhizapilze halfen den Bäumen, rasch zu wachsen und Nadeln sowie Laub, das zu Boden fiel, effizient zu verarbeiten. Der gesamte Erholungsprozess verlief dort deutlich schneller als auf den benachbarten Flächen, die von den Nagetieren unberührt geblieben waren.
Forschungskollegin Emma Aronson betonte, dass die Bäume an vielen Hangbereichen überraschend zügig zurückkehrten. Das herabfallende Nadelwerk wurde zur Nahrungsquelle für die Pilze, die den Bäumen im Gegenzug Phosphor, Stickstoff und andere lebenswichtige Elemente lieferten.
Was uns das Ziesel-Abenteuer am Vulkan gelehrt hat
Die Geschichte des Mount St. Helens zeigt, dass Ökologen nicht immer auf schwere Technik oder aufwendige Ingenieureingriffe angewiesen sind. Manchmal genügt es, das natürliche Verhalten einer Art klug zu nutzen — auch wenn diese Art in einem anderen Zusammenhang als Problem gilt. Ziesel, von vielen als lästige Schädlinge abgestempelt, wurden in einem extrem geschädigten Ökosystem zu unschätzbaren ökologischen Verbündeten.
An den Stellen, wo das Experiment stattfand, erfüllte sich das düstere Szenario einer „toten Berg auf Generationen“ nicht. Die Vegetation kehrte viel schneller zurück, als irgendjemand zu Beginn der achtziger Jahre ahnen konnte. Mykologin Mia Maltz von der Universität Connecticut unterstreicht dabei eine zentrale Erkenntnis: Die Natur lässt sich nicht ausschließlich durch das beobachten, was mit bloßem Auge sichtbar ist. Das Entscheidende spielt sich im Boden ab, im mikroskopischen Maßstab — dort, wo Bakterien und Pilze das Fundament für alles andere legen.
Was das für die Zukunft der Naturwiederherstellung bedeutet
Diese Art von Experimenten hat praktische Bedeutung weit über den Mount St. Helens hinaus. Immer mehr Orte auf der Welt leiden unter Zerstörung — nach Bränden, Hurrikanen, Industrieunfällen oder intensivem Bergbau. Wissenschaftler suchen nach Methoden, die eine Landschaft nicht nur kurzfristig „begrünen“, sondern dauerhafte natürliche Erholungsprozesse in Gang setzen.
Die Zusammenarbeit mit natürlichen Gräbern wie Zieseln oder verwandten Nagetierspezies könnte eines dieser Werkzeuge sein. Statt kostspielig fruchtbare Erde heranzuschaffen, lassen sich Organismen fördern, die die Bodenstruktur von innen heraus verbessern. Ein solcher Ansatz ist günstiger, weniger invasiv und besser an die örtlichen Gegebenheiten angepasst.
Die Erforschung der Rolle von Mykorrhizapilzen eröffnet zugleich neue Perspektiven für eine bewusstere Waldwiederherstellung. Statt lediglich Setzlinge zu pflanzen, spricht man zunehmend davon, den Boden mit geeigneten Pilzen oder Bodenbakterien zu „impfen“. Junge Pflanzen hätten dann vom ersten Tag an mikroskopische Partner an ihrer Seite, die ihnen helfen, Trockenheit und nährstoffarme Bedingungen zu überstehen.
Kleine Organismen, große Folgen. Die Geschichte der Ziesel an den Vulkanhängen erinnert uns daran, dass scheinbar kleine Eingriffe in der Ökologie eine lange Kette grundlegender Veränderungen auslösen können. Ein einziger Grabtag einiger unscheinbarer Nagetiere setzte einen Regenerationsprozess in Gang, der nun seit mehr als vier Jahrzehnten andauert. Für alle, die an dramatische Bilder von Lava, Bränden und Hurrikanen gewöhnt sind, mag das weniger spektakulär wirken — doch es ist eine umso wertvollere Perspektive. Echte Naturerholung setzt sich aus Hunderten stiller Wechselwirkungen zusammen: zwischen Wurzel und Pilz, Pilz und Bakterie, Ziesel und Boden. Und genau dort, tief unter unseren Füßen, entscheidet sich, ob eine zerstörte Landschaft ins Leben zurückfindet oder für immer zur Ödnis wird.













