Plötzlich kahl nach dreißig? Die Ursache liegt nicht immer in den Genen

Immer mehr Männer über dreißig bemerken einen ungewöhnlichen Haarausfall

Kahle Stellen, runde haarlose Flecken auf dem Kopf oder Lücken im Bart — und das völlig ohne Erklärung. Viele Männer denken in dieser Situation sofort an Erblichkeit. Doch diese Erklärung trifft nur auf einen Teil der Fälle zu.

Bei einer beträchtlichen Anzahl von Männern steckt ein völlig anderer Mechanismus dahinter — einer, der nichts mit den Genen des Vaters oder Großvaters zu tun hat, sondern damit, was das eigene Immunsystem anrichtet.

Nicht jede Glatze nach dreißig ist erblich bedingt

Der klassische „männliche“ Haarausfall, den man von alten Familienfotos kennt, entwickelt sich langsam. Das Haar am Scheitel wird dünner, die Stirn weitet sich, die Geheimratsecken rücken zurück. Der gesamte Prozess dauert Jahre, und oft lässt sich kaum sagen, wann er eigentlich begann.

Wenn jedoch kahle Stellen plötzlich innerhalb von Tagen oder Wochen auftauchen und eine klar begrenzte, runde Form haben, ist das eine völlig andere Geschichte. Ärzte denken in solchen Fällen deutlich häufiger an die Diagnose Alopecia areata, auf Deutsch kreisrunder Haarausfall. Es handelt sich nicht um ein allmähliches Ausdünnen, sondern um auffällige, glatte Flecken ohne ein einziges Haar.

Kreisrunder Haarausfall erinnert eher an eine mit dem Radiergummi ausgewischte Stelle als an die typischen Geheimratsecken nach dem Vater. Und anders als der androgenetische Haarausfall, der ausschließlich den Kopf betrifft, kann Alopecia areata auch im Bart, den Augenbrauen oder an anderen behaarten Körperstellen auftreten.

Was im Körper passiert: Das Immunsystem als Verursacher

Alopecia areata gehört zu den Autoimmunerkrankungen. Das Immunsystem „verwechselt“ gewissermaßen die eigenen Haarfollikel mit Feinden und greift sie an. Es zerstört sie nicht dauerhaft, stört aber ihre Funktion — die Haare wechseln abrupt in die Ausfallphase, und neue wachsen schlicht nicht nach.

Den genauen Auslöser kennen Wissenschaftler bislang noch nicht vollständig. Forschungsergebnisse deuten auf eine Kombination aus genetischen Veranlagungen und äußeren Einflüssen hin. Zu den wiederholt genannten Risikofaktoren zählen:

  • familiäre Vorbelastung mit Autoimmunerkrankungen, etwa Schilddrüsenerkrankungen oder Schuppenflechte
  • anhaltender oder plötzlich auftretender intensiver Stress
  • andere gleichzeitig bestehende Autoimmunerkrankungen
  • spezifische Genvarianten, die die Immunantwort regulieren
  • kürzlich durchgemachte Infektionen oder Impfungen als Auslöser bei vorbelasteten Personen

Stress gilt zwar als erster Verdächtiger, aber Spezialisten betonen, dass er allein selten ausreicht. Er wirkt eher wie ein Zündfunke bei jemandem, der von Anfang an eine immunologische Empfindlichkeit mitgebracht hat. Ohne genetische Anfälligkeit löst Stress allein keinen kreisrunden Haarausfall aus.

Wie häufig ist kreisrunder Haarausfall bei erwachsenen Männern?

Obwohl dieses Thema öffentlich kaum besprochen wird, handelt es sich keineswegs um eine Seltenheit. Dermatologische Studien schätzen das Lebenszeitrisiko, an dieser Erkrankung zu erkranken, auf etwa zwei Prozent — das bedeutet, ungefähr jeder fünfzigste Mensch könnte davon betroffen sein.

Die erste Episode tritt dabei am häufigsten bei jüngeren Erwachsenen auf, deutlich vor dem vierzigsten Lebensjahr. Männer zwischen 30 und 40 Jahren machen einen erheblichen Teil der neu diagnostizierten Patienten aus. Wenn man also plötzlich fleckenweise Haare verliert, während der Vater ganz anders und viel langsamer kahl wurde, lohnt es sich, auch andere Ursachen als die Familiengeschichte in Betracht zu ziehen.

Nicht nur Kopfhaare — Bart, Augenbrauen und Wimpern

Bei vielen Männern ist das erste Warnsignal keine dünner werdende Stelle am Scheitel, sondern ein runder kahler Fleck im Bart. Deutlich begrenzte haarlose Stellen im Bart passen kaum zum klassischen androgenetischen Haarausfall — passen dafür aber perfekt ins Bild des kreisrunden Haarausfalls.

Hautärzte weisen darauf hin, dass der Bartbefall ein chronisch unterschätztes Symptom ist. Männer schieben es auf schlechtes Wachstum oder falsches Rasieren, obwohl es sich dabei um das erste Anzeichen eines Autoimmunprozesses handeln kann. Ebenso können Augenbrauen oder Wimpern betroffen sein — was beim klassischen männlichen Haarausfall praktisch nicht vorkommt.

Ein typischer Krankheitsverlauf kann folgendermaßen aussehen:

  • Es erscheint ein kleiner, glatter kahler Fleck am Kopf oder im Bart
  • Innerhalb weniger Wochen kann er größer werden oder weitere Flecken kommen hinzu
  • Manchmal stoppt der Prozess von selbst und die Haare beginnen wieder zu wachsen
  • In schwereren Fällen fällt ein größerer Teil der Kopfhaare aus
  • In seltenen Situationen kommt es zu einem nahezu vollständigen Verlust aller Körperhaare
  • Die betroffene Haut juckt normalerweise nicht, brennt nicht und zeigt keine Schuppen oder Krusten

Und genau das ist für den Dermatologen der entscheidende Hinweis: Die Haut im Bereich des kahlen Flecks sieht völlig gesund aus — nur ohne Haare. Im Gegensatz zu entzündlichen Zuständen oder Pilzinfektionen fehlen Rötungen, Schuppung und Schmerzen.

Können die Haare nach kreisrundem Haarausfall wieder nachwachsen?

Die gute Nachricht: Anders als bei narbigen Formen des Haarausfalls sind die Haarfollikel bei Alopecia areata meist nicht dauerhaft zerstört. Bei einem erheblichen Teil der Betroffenen wachsen die Haare tatsächlich wieder — manchmal sogar spontan, ganz ohne Behandlung, besonders wenn die Veränderungen gering sind.

Das Problem liegt in der Unvorhersehbarkeit des Verlaufs. Manche erleben nur eine einzige Episode und haben dann jahrelang Ruhe. Andere kämpfen mit Rückfällen: Die Haare wachsen nach, dann tauchen nach einiger Zeit neue Flecken auf, manchmal an anderen Stellen als zuvor. Bei etwa der Hälfte der Patienten mit begrenztem Befall kommt es innerhalb eines Jahres zu einem spontanen Nachwachsen.

Die größte psychische Belastung ist dabei nicht die kahle Stelle selbst, sondern das Gefühl des Kontrollverlustes. Heute wachsen die Haare, morgen fallen sie wieder aus. Diese Ungewissheit ist oft schwerer zu ertragen als alles, was man äußerlich sieht.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Wahl der Therapie hängt vom Ausmaß, der Anzahl der Herde, der betroffenen Region und davon ab, wie stark das Problem das psychische und soziale Wohlbefinden des Patienten beeinträchtigt. Dermatologen haben dabei eine ganze Reihe von Ansätzen zur Verfügung.

Zu den gängig eingesetzten Methoden gehören lokale Kortikosteroide in Form von Lösungen oder Schäumen, die direkt auf die betroffenen Stellen aufgetragen werden. Bei kleineren Herden greift man manchmal auf injizierte Kortikosteroide direkt in die Haut zurück. Eine weitere Möglichkeit sind Präparate, die eine kontrollierte leichte allergische Reaktion auslösen, mit dem Ziel, die Immunantwort umzuleiten. In den letzten Jahren sind zudem biologische Medikamente hinzugekommen — ursprünglich für andere Autoimmunerkrankungen entwickelt — die bei Patienten mit ausgeprägtem Befall vielversprechende Ergebnisse zeigen.

Die Grundlage von allem bleibt jedoch die richtige Diagnose. Ein kahler Fleck bedeutet nämlich nicht automatisch Alopecia areata — ein ähnliches Bild können auch Pilzinfektionen der Kopfhaut oder narbige Formen des Haarausfalls verursachen. Deshalb greift der Dermatologe in der Regel zum Dermatoskop und ordnet manchmal ergänzende Untersuchungen an, bevor er mit der Behandlung beginnt.

Wann ist ein Besuch beim Dermatologen wirklich sinnvoll?

Einen Spezialisten aufzusuchen macht vor allem dann Sinn, wenn schnell eine oder mehrere runde kahle Stellen auftreten, Haare beim Waschen oder Kämmen plötzlich büschelweise ausfallen oder der Haarausfall nicht nur den Kopf, sondern auch Bart, Augenbrauen oder Wimpern betrifft. Ebenso wenn eine Stelle sich rasch vergrößert oder der Haarverlust zu ausgeprägter Scham, Angst oder Einschränkungen im Berufs- oder Liebesleben führt.

Der Hausarzt ist oft ein guter erster Schritt, überweist bei Verdacht auf kreisrunden Haarausfall aber in der Regel an einen Dermatologen. Je früher die Diagnose gestellt wird, desto leichter lässt sich das richtige Vorgehen festlegen und monatelange Ungewissheit vermeiden. Dermatologen empfehlen außerdem eine Untersuchung der Schilddrüse und anderer Autoimmunmarker, da kreisrunder Haarausfall häufig gemeinsam mit anderen Autoimmunerkrankungen auftritt.

Was tun, wenn man plötzlich Haare verliert?

Der erste Impuls ist meist, zu einem Nahrungsergänzungsmittel „für die Haare“ oder einem Shampoo gegen Haarausfall zu greifen. Diese können die allgemeine Haargesundheit unterstützen, aber einen Immunprozess lassen sich damit nicht aufhalten. Sinnvoller ist es, zunächst ehrlich ein paar konkrete Fragen zu beantworten:

  • Ist die Veränderung plötzlich aufgetreten, innerhalb von Tagen oder Wochen?
  • Hat der Fleck eine runde, klar abgegrenzte Form?
  • Sind auch Bart, Augenbrauen oder Wimpern betroffen?
  • Leidet jemand in der Familie an einer Autoimmunerkrankung?

Wenn man zumindest einige dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet, ist ein Termin beim Dermatologen die bessere Wahl als weitere Kosmetikprodukte. Selbst wenn sich am Ende eine andere Ursache herausstellt — man geht mit einer konkreten Diagnose nach Hause, nicht mit bloßen Vermutungen. Ein frühzeitiger Besuch erspart Monate der Ungewissheit und des Ausprobierens von Dingen, die schlicht nicht helfen können.

Unabhängig von der Ursache des Haarausfalls gelten stets grundlegende Regeln zur Unterstützung der Haargesundheit: eine ausgewogene Ernährung reich an Proteinen und Eisen, das Einschränken des Rauchens, erholsamer Schlaf und der Abbau von Dauerstress. Eine Autoimmunerkrankung lässt sich damit zwar nicht stoppen, aber ein gesunder und ausgeruhter Körper kommt nachweislich besser mit jeder Art von Erkrankung zurecht.

Author

  • Anja Klein ist eine professionelle Journalistin und Fotografin, die ihr Hobby zu einem groß angelegten Medienprojekt ausgebaut hat. Sie kaufte einen typischen deutschen „Klassischen Schrebergarten“ (ein kleines Mietgrundstück innerhalb der Stadtgrenzen) und dokumentiert seitdem jeden Schritt seiner Umgestaltung. Ihr Blog vereint visuelle Inspiration mit akribischer Praxis.

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